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  • Mila Olsen

Prolog

Damals im Wald

Die Geschichte von Maya und Reed


Ich schrecke auf und höre den Wind. Rauwind, hast du ihn genannt. Ganz zart streift er mein Gesicht, macht die Wangen kalt und hinterlässt eine zärtliche Erinnerung. Hastig springe ich aus dem Bett und reiße das Fenster auf, doch ich sehe nicht auf die hohen verschneiten Baumskelette und die vereisten dürren Zweige, die bei Minusgraden aneinanderklirren, sondern auf die Straßen New Yorks. Die Luft steht still.


Atle Mo, Unsplash

Ich kann nicht atmen. Ich kann nicht – kann nicht – atmen! Vierzig Meter unter mir verstopfen hupende Taxis die Straßen, die von hier oben aussehen wie ein grauer Fluss in einem Tal Hochhäuser. In meinem Inneren versuche ich mir die arktische Stille von Maines Wäldern heraufzubeschwören, diese tiefe, zeitlose Stille, die ich so gefürchtet habe und deren Melodie mich jetzt nicht mehr loslässt. Der Winter in New York ist grau und schmutzig, der Schnee schmeckt nach Smog, richtig giftig. Nichts ist still in der Stadt, die niemals schläft.

Über meine Schulter blicke ich zu Ayden. Das dunkelbraune Haar fällt in sein Gesicht, er sieht selbst verschlafen noch so gut aus wie ein Supermodel. Zu gut, um wahr zu sein. Zu gut für mich. Das habe ich immer schon gedacht. Oder?


»Komm ins Bett, Maya«, flüstert er rau und klopft auffordernd neben sich auf das leere Laken. Etwas ist hier falsch, aber ich begreife nicht, was es ist. Es ist nicht nur der Lärm und der Smog, sondern etwas zwischen ihm und mir. Als ob da auch undurchsichtiger Dunst wäre. Vielleicht macht mir ja diese Art von Smog das Atmen so schwer.

Aaron Burden, Unsplash

In den Nächten ist es immer hart. Der Tag drängt die Sehnsüchte zurück, die Nacht ist unerbittlich.

»Verdammt, Maya.« Ayden steht auf, und ich sehe nochmal aus dem Fenster, als könnte ich über Hochhäuser, Berge und Täler in den Wald blicken.

Was machst du gerade, Reed? Spannst du deinen Pfeil im Bogen oder sitzt du auf dem Dach des Baumhauses und schaust in die Sterne?

Keine Ahnung warum, aber in diesen dunklen Stunden hasse ich dich am meisten. Vermisse ich dich am meisten. Weil du mir gezeigt hast, was Leben ist. Den rauen Ruf der Raben, Schneestaub im Sonnenlicht und deine glasblauen Augen zwischen all dem Weiß. Unwirklich. Brennend und kalt.

Eiskristallaugen.




Vielleicht sollte ich dich suchen. Vielleicht sollte ich dich vergessen. Vielleicht sollte ich herausfinden, was wirklich mit uns passiert ist.

Damals im Wald.

Nur noch einmal möchte ich Ash für dich sein, Reed. Nur noch einmal deine Stimme hören, das feine Flüstern in der Winterkälte zwischen Kiefern und Eschen.

Ash, My Love.

In der Nacht bist du so real, fast kein Traum mehr. Beinahe kann ich dich berühren; aber die Arme, die sich um mich schlingen, sind nicht deine; die Lippen in meinem Nacken nicht rau und kalt.

»Du musst diese Sache endlich vergessen«, sagt Ayden hinter mir. »Ich möchte dich zurück, verstehst du mich?«

Diese Sache? Gott, es ist, als würde die Leere mir hier das Mark aus den Knochen saugen. »Ich versuche es doch«, sage ich und meine Stimme klingt blechern, als würde ich in eine Konservendose sprechen. »Ich gebe mir ja Mühe, Ayden.«

Er lässt mich los, eine Spur zu ungeduldig. »Ich hoffe, du schaffst es bald.«


Das hoffe ich auch. Und ich muss mich endlich daran erinnern, was wirklich passiert ist.



Bildquelle Unsplash (Atle Mo und Aron Burden); Shutterstock.

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