• Mila Olsen

Prolog: Whisper I Love You


Es ist das letzte Mal, dass ich zur Eisenbahnbrücke gehe. Es ist Abschied und Neubeginn. Und irgendwie kommt es mir plötzlich so vor, als hätten all die bedeutenden Momente meines Lebens in schwindelerregenden Höhen stattgefunden. Ich erinnere mich noch so gut an den Tag, an dem ich dich hier oben getroffen habe.

Fast spüre ich den Frühlingswind auf meiner Haut, obwohl es heute so kalt ist.


Ich komme von der Ostseite, wie damals. Und wie damals lasse ich meinen Rucksack am Rand der Brücke zurück und stiefele einsam in der Mitte der Gleise weiter. Das morsche Holz ist mit frisch gefallenem Schnee bestäubt, der aussieht wie Puderzucker. Ich höre das Knirschen meiner Schritte unter den Sohlen, atme die feucht-kalte Luft in mich hinein. Unter mir tost der Willow Creek und in seinem Rauschen finde ich einen Teil meiner Wut.

Ja, ich bin wütend auf dich. Unendlich wütend. Aber nicht nur. Ein Teil von mir ist auch voller Liebe. Voller Dankbarkeit. Ich ziehe mir das Band mit dem schwarzen Kranich vom Handgelenk und atme tief ein.




Don’t cry a river for me, Baby – würdest du jetzt zu mir sagen und ich würde lächeln. Weil es – wie vieles, was du gesagt hast – mehrere Bedeutungen haben kann. Mein Herz ist so schwer. Doch es ist auch leicht. Gegensätze, Baby, yeah.

Am Zeigefinger lasse ich den Origamivogel über dem Abgrund baumeln. Origami, das wird wohl nie meins sein, aber du hast gesagt, man solle immer etwas symbolisch fliegen lassen, für die vielen Male, bei denen man nicht springt. Deshalb habe ich mir extra rabenschwarzes Seidenpapier in Mrs. Wilsons Bastelladen gekauft und den Kranich gefaltet. Okay, er ist jämmerlich, aber du siehst es ja nicht.

Wärst du damals nicht gekommen, wäre ich gesprungen.

Zumindest wahrscheinlich. Du hast mich also tatsächlich gerettet, auch wenn du sagst, es sei umgekehrt gewesen.


Für einen Moment blicke ich in den Abgrund. Der Fluss klingt jetzt sanfter. Fast so, als flüsterte er mit jedem Aufsprudeln seiner Schaumkronen unablässig deinen Namen.

Ri-ver. Ri-ver. Ri-ver.

Das Band rutscht sacht von meinem Finger, dann trudelt der Kranich endlos-endlos-endlos hinab, und da er in dieser gewaltigen Naturkulisse so winzig ist, sehe ich nicht, wie er von den dunkelblauen Fluten verschluckt wird.

Er ist einfach fort.

So wie du.

Das war’s. Und natürlich weine ich jetzt doch, auch wenn ich dir versprochen hatte, es nicht zu tun. Ganz zart taste ich nach dem weißen Schwan an meinem anderen Handgelenk, spüre das Seidenpapier wie ein Streicheln.



Ich vermisse dich, Riv.

Und es wird niemals einen Tag geben, an dem ich nicht an dich denke. An dich und diesen magischen Sommer voller Liebe, schöner Wörter und dunkler Geheimnisse, aber trotzdem gehe ich jetzt.

Ich muss es tun.

Auf mich wartet eine ganze Welt.

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